Jubiläums-Exkursion des Naturschutzvereins Kirchberg in Zusammenarbeit mit der Gemeinde – 2014

Veränderungen in der Landschaft Kirchbergs entdecken

Der Naturschutzverein Kirchberg feiert 2014 sein 30-jähriges Bestehen. Aus diesem Anlass lud der Verein zusammen mit der Gemeinde Kirchberg am 24. August 2014 zu einer Jubiläums-Exkursion. An ausgewählten Standorten im mittleren Teil der Gemeinde Kirchberg gewannen die Teilnehmenden einen Eindruck davon, was sich in Naturschutz und Landschaft während der letzten 30 Jahre verändert hat.

Auf dem Tellplatz in Kirchberg begrüsst Karl Fässler, der Präsident des Naturschutzvereins, fast vierzig Teilnehmende zur morgendlichen Exkursion. Die Gruppe wandert zunächst zum Turpenriet. Das Flachmoor mit seinem rege von Amphibien genutzten Weiher zählt zu den Prunkstücken unter den Naturräumen der Gemeinde, und es verdankt seine heutige Existenz dem frühen Wirken des Naturschutzvereins Kirchberg. Viele andere Moore und Feuchtgebiete sind längst wegen anderweitigen Landnutzungsansprüchen zerstört worden und in Vergessenheit geraten.

Man stach früher den Torf der Moore, der sich beim Zersetzen der Pflanzen unter Ausschluss von Sauerstoff entwickelt hatte. Karl Fässler zitiert dazu aus der überaus interessanten, 1940 verfassten Schülerarbeit von Sales Huber, einer bekannten Kirchberger Persönlichkeit. Gemäss seinem Bericht stachen die umliegenden Bauern damals Torf in kleinerem Umfang zur eigenen Nutzung, etwa zum Heizen während des Krieges.

Das Turpenriet steht heute wie andere wertvolle Moorlandschaften unter Naturschutz. Es muss auch vor nachteiligen Umwelteinflüssen wie übermässigem Nährstoffeintrag geschützt werden. Als „Auffangbecken“ für den starken Nährstoffzufluss wurde vor einigen Jahren vor einem nahe gelegenen Pferdehof ein Weiher angelegt. Zudem erforderte es die nahe Strasse, dass Amphibientunnels gebaut wurden, die sich als Wanderkorridore für die Tiere inzwischen bestens bewährt haben. Vor deren Bau mussten freiwillige Helfer des Naturschutzvereins die zur Laichzeit in ihr Gewässer wandernden Erdkröten und Grasfrösche jeweils in vergrabenen Kesselfallen „sammeln“ und über die Strasse tragen, damit nicht ständig so viele dem Verkehr zum Opfer fielen.

Karl Fässler führt die Gruppe weiter zum Nördli, einem grossem Feuchtgebiet mit feuchten Streuwiesen, das nur wenige hundert Meter vom Turpenriet entfernt liegt. Zur Vernetzung dieses Gebiets mit dem Turpenriet hatte die Melioration Kirchberg auf Anraten des Naturschutzvereins einst den eingedolten Bach, der die beiden Standorte verbindet, renaturiert. Die auf Feuchtstandorte spezialisierten Arten haben es dadurch leichter, sich vom einen Standort zum anderen auszubreiten, was längerfristig der Inzucht vorbeugt. Für die Amphibien wurde im Nördli auch ein kleiner Weiher angelegt, der sich nun den Exkursionsteilnehmern reichlich überwachsen zeigt. Das Gewässer droht zu verlanden, würden nicht jeden Herbst einige engagierte Vereinsmitglieder in einem gemeinsamen Arbeitseinsatz die Vegetation zurückschneiden.

Hecken als Viehzäune und Windschutz

Beim Feldgehölz Albikonerbach führt der Förster Bruno Schättin in einer imaginären Zeitreise zurück zu den Römern. Schon diese sahen sich während ihres Vorstosses nach Norden mit Hecken konfrontiert, denn die germanischen Stämme legten Dornenhecken an, um sich zu verteidigen. Der Ausdruck „Heckenschütze“ zeugt noch von der ursprünglichen Bedeutung der Hecken und Feldgehölze als Verteidigungsstrukturen. Später dienten sie auch als lebende, oft kunstvoll verflochtene Zäune fürs Vieh. Als Vorratskammern für die Bevölkerung spendeten sie zudem Brennholz, Stiele für Werkzeuge oder Löffel, Reisig für Besen, Laubheu fürs Vieh und – nach wie vor gratis – Früchte wie Himbeeren, Brombeeren, Hagebutten, Schwarz- und Weissdornbeeren für Tee oder Konfitüre.

Mit dem Aufkommen von Stacheldraht und Elektrozäunen verschwanden die Hecken mehr und mehr aus der Kulturlandschaft, wie auch weitere Kleinstrukturen der intensivierten Landnutzung zum Opfer fielen. In Kirchberg wurden im letzten Viertel des vergangenen Jahrhunderts viele Flächen ausgeräumt, Bäche eingedolt und Feldgehölze entfernt, um die maschinelle Bewirtschaftung der Felder zu erleichtern.

Die Hecke entlang des Albikonerbaches wurde von Bruno Schättin selber im Jahr 1991 angelegt, gleichzeitig wurde ein Teil des einst eingedolten Baches renaturiert. Damals waren solche Aufwertungsmassnahmen noch eine kleine Sensation und die Naturschützer mussten gegen erhebliche Widerstände kämpfen. Die inzwischen stattlich gewachsene Hecke zeigt sich der Exkursionsgruppe als vielfältig zusammengesetztes Gehölz aus verschiedenen Sträuchern wie Schneeball und Weissdorn sowie einigen höheren Bäumen. Der Gemeine Schneeball und das Pfaffenhütchen bringen mit ihren roten Früchten nun im späten August bunte Farbtupfer in die Landschaft. Im Lauf der Jahreszeiten finden Vögel und Insekten reichlich Nahrung in dem Feldgehölz. Auch der seltene Neuntöter liess sich schon blicken, welcher Kleintiere wie Mäuse und Insekten jagt und als „Vorrat“ auf den Dornen mancher Sträucher aufspiesst.

Bruno Schättin erzählt von einigen widerlegten Vorurteilen, die Hecken gegenüber vorgebracht wurden. So brauchen Hecken zwar eine gewisse Fläche und werfen Schatten, erhöhen aber als Windfang den Gesamtertrag und halten Unkrautsamen aus der Umgebung fern. Bis auf wenige Ausnahmen gedeihen kaum tierische Schädlinge in den Hecken. Statt dessen sind die Feldgehölze Lebensraum und Brutstätte für deren natürliche Gegenspieler wie viele insektenfressende Vögel, Igel und Spitzmäuse.

Naturnahe Waldbewirtschaftung

Während sich die Sonne im wechselhaften Wetter allmählich durchsetzt, wandert die Gruppe den Alvensberg hinauf. Dort wartet Marco Signer, Revierförster in der Gemeinde Kirchberg, um zwei Beispiele des naturnahen Waldbaus vorzustellen. Das erste ist eine „Waldinsel“ mit alten, weit über 50 Meter hohen Fichten und Weisstannen, die er aus der Bewirtschaftung ausgeschlossen hat. Durch das Belassen von liegendem und stehendem Totholz, welches früher allzu konsequent aus den Wirtschaftswäldern entfernt wurde, finden viele Tiere wie die Spechte und spezialisierte Insekten wieder mehr Nahrung.

Auf der Anhöhe zeigt Marco Signer einen ganz anderen Waldtyp, der viel lichter und heller wirkt. Hier sind die Bäume weniger wüchsig, da sie, um Licht zu erlangen, nicht in die Höhe schiessen müssen. Zudem ist der Boden trockener und magerer, weshalb hier Föhren und Buchen wachsen, und die Lage ist stärker windexponiert. Förster Signer hat hier passend zu den lokalen Gegebenheiten vorgesehen, durch Auslichtung die Pflanzen der Bodenschicht zu fördern, was unter anderem seltenen Orchideenarten zu Gute kommt. Zudem soll der Waldrand wieder stufig gestaltet werden, was ihn als Lebensraum für verschiedene Tiere nutzbar macht.

Ausklang in der Holderschüür

In der Holderschüür von Romy und Beni Oswald im Sackgrütli versammelt sich die Gruppe anschliessend zum Mittagessen. Christoph Häne, der Gemeindepräsident von Kirchberg, erwähnt in seiner Rede die schwierigen Anfangszeiten des Naturschutzvereines im damals sehr angespannten Umfeld, als das Verständnis für die Anliegen des Naturschutzes noch kaum gegeben war. Er betont die wichtige Rolle der vielfältigen Natur für das Wohlbefinden des Menschen, und ruft in Erinnerung, dass auch das Turpenriet einst beinahe trocken gelegt worden wäre. Heute ist es ein beliebtes Naherholungsgebiet für die Bevölkerung. Zum Schluss dankt Christoph Häne allen engagierten Vereinsmitgliedern. Er hoffe, dass die Gemeinde auch in Zukunft auf den Naturschutzverein als wichtigen Partner zählen kann.

Der Vizepräsident des Naturschutzvereins, Andreas Raaber, hatte seine Teilnahme aus gesundheitlichen Gründen leider absagen müssen. Das von ihm organisierte „Bio-ToiToi“ fand trotzdem den Weg zur rastenden Exkursionsgruppe. Draussen vor der Holderschüür erklären zwei der jungen Initianten des Vereins Kompotoi* die neuartige Komposttoilette. Das mit Holz optisch ansprechend gebaute mobile WC, welches für Veranstaltungen gemietet werden kann, stösst auf grosse Begeisterung und sorgt für allerlei Fragen. Es zeigt eine Möglichkeit zum schonenden Umgang mit den Ressourcen auf, der ebenfalls ein Kernanliegen des Naturschutzes ist.

* www.kompotoi.ch

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